Leseempfehlungen

Freitag, 15. Oktober 2010

{Rezension} Gargoyle von Andrew Davidson

Übersetzer: Eike Schönfeld
Genre: Roman / Fantasy
ISBN: 3827007828
Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
Erscheinungsdatum: 31. Januar 2009
Preis: 22,00 €



Die Kraft der Liebe

Ein Pornostar, mit Drogen zugedröhnt, verunglückt mit dem Auto. Zwar überlebt er den Unfall, allerdings mit schwersten Verbrennungen am ganzen Körper und besonders im Gesicht. Als er nach Wochen aus dem Koma erwacht, beschließt er, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus seinem Leben ein Ende zu setzen und malt sich sehr genau aus, wie dieser Selbstmord vonstatten gehen soll. Allerdings gestaltet sich seine Genesung verständlicherweise nur sehr langsam und so ist er gar nicht so böse darüber, als ihn eines Tages eine junge Frau besucht. Marianne Engel behauptet, dass sie Beide sich vor 700 Jahren kennen gelernt haben und er bereits damals schwere Verbrennungen erlitten und sie ihn gesund gepflegt hatte. Der Verletzte hält Marianne für schizophren oder manisch depressiv, im schlimmsten Fall für beides. Doch je öfter Marianne Engel ihn besucht, desto mehr interessiert er sich für ihre angeblich gemeinsame Geschichte, als sie im 14. Jahrhundert als Nonne und Söldner ein Liebespaar waren. Und obwohl er nicht an Mariannes Erzählungen glaubt, hilft es ihm, seinen Lebensmut wieder zu finden.

Äußerst direkt, zynisch und selbstkritisch lässt Andrew Davidson seinen Protagonisten die Geschichte selbst erzählen. Der grausame Autounfall selbst und die anschließende so schmerzhafte Prozedur, die Verbrennungsopfer bei der monatelangen Behandlung durchstehen müssen, beschreibt der Ich-Erzähler extrem sachlich, aber gleichzeitig wieder so eindringlich, dass man sich dies mehr als gut vorstellen kann. Es ist aber nie darauf ausgelegt, mit dem Protagonisten Mitleid zu empfinden, sondern es ist einfach ein Vorgang, ohne den sein Überleben nicht sichergestellt sein kann.

Die Wandlung vom zynischen Einzelgänger, dem andere Menschen herzlich wenig interessieren zu einem mitfühlenden, ja liebenden Menschen, ist schleichend. Erst mit der Zeit wird ihm bewusst, dass er sich wohl fühlt in der Gegenwart von Marianne, dass er sie für seine Gesundung braucht und dass genau dies auch Marianne mit ihren Besuchen beabsichtigt. So gelangt nach und nach sein Überlebenswille zurück und er nimmt die schmerzhaften Reha-Maßnahmen ohne Murren auf sich, nur um schnellstens wieder ein einigermaßen normales Leben führen zu können. Und selbst mit seinem monströsen Aussehen hadert er bald schon nicht mehr, sondern nimmt es einfach als gegeben hin.

Die Geschichte ist so ergreifend erzählt, dass einem eigentlich erst zum Schluss bewusst wird, dass man noch nicht mal den Namen des Ich-Erzählers erfährt. Es ist praktisch ein Teil seiner Lebensgeschichte, die er anderen erzählt und so fühlt man sich beim Lesen auch. Man hat nicht unbedingt das Gefühl, ein Buch zu lesen, sondern mehr, ihm bei seinen Erzählungen zuzuhören. So ist dem Autor durchgehend ein mitfühlender, emotionaler und wunderbar erzählter Roman gelungen, ein Märchen, das einem noch lange nachgeht.

Immer wieder erzählt Marianne Engel ihm Geschichten: Entweder kleine Geschichten über die Macht der Liebe oder aber über ihr gemeinsames Leben im 14. Jahrhundert. Zwischendurch spielt der Roman auch wieder in der Gegenwart und so ist man ständig über die aktuellen Geschehnisse und der Gesundung des Protagonisten informiert. Hierdurch erfährt man immer mehr über ihn wie auch über Marianne.

Die Bildhauerin ist eine überzeugte Christin, die fest an Gott glaubt, der Ich-Erzähler dagegen ein überzeugter Atheist. Doch diese Gegensätze ergänzen sich hervorragend und auch für Nichtgläubige ist Mariannes Glaube nicht störend oder belehrend dargestellt, sondern dies ist einfach eine Tatsache, die akzeptiert wird. Das belesene Verbrennungsopfer hinterfragt ständig die Erzählungen von Marianne über ihr gemeinsames Leben, nur um immer wieder feststellen zu müssen, dass ihre Geschichte sich genau so wirklich ereignet haben kann.

Trotz der eigentlich anfangs recht unsympathischen Darstellung des Charakters seines Protagonisten, gelingt es Andrew Davidson schon nach kurzer Zeit, dass man neugierig auf ihn wird und ehe man es sich versieht, nimmt man Anteil an seinem Leben und taucht regelrecht in seine Erzählungen ein. Besonders gelungen ist die Figur von Marianne Engel, die so vielschichtig, unvorhersehbar und liebenswert beschrieben ist, dass man sofort Sympathien für sie hegt. Und trotzdem bleibt ihr Verhalten, ihre Einstellung und besonders ihre Besessenheit bei der Erschaffung der Gargoyles bis zum Schluss rätselhaft.

Fazit: Ein wunderschön erzähltes Märchen über die Kraft der Liebe ohne dabei auch nur annähernd rührselig oder gar kitschig zu werden.

Kommentare:

  1. Tolle Rezension, du Lust auf´s Lesen macht. Solche Lust, dass "Gargoyle" mein nächstes Buch werden wird.

    Lg, Sabine

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  2. Ja das will ich auch unbedingt lesen, steht schon seit Monaten auf meiner Wunschliste.

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  3. Hallo Sabine und Friedelchen,
    das Buch war wirklich einfach nur wunderschön und ich wünsch Euch ganz viel Spaß beim Lesen! LG Isabel

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  4. Hallo Isabel!

    Inzwischen habe ich "Gargoyle" schon gelesen und bin davon genauso begeistert wie du.

    Lg, Sabine

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